Ursula Meseberg

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Der Groschen ist gefallen (uups, war das jetzt ’ne Metapher?)

Written by Ursula Meseberg on 7/30/2008 2:04:00 PM

Es war während der Fußball-EM. Ich hatte mir einen Tag freigenommen, um zuhause ein paar Dinge zu erledigen. Nebenher lief der Fernseher: Liveübertragung der täglichen DFB-Pressekonferenz. Die üblichen Fragen zum nächsten Gegner, zur Leistung und zum Gesundheitszustand der Spieler. Und dann eine Frage (an wen sie gerichtet war, weiß ich nicht mehr), die mich aufhorchen ließ. Sie lautete etwa so: "Hat das Bild der Bergtour, das Oliver Bierhoff geprägt hat, der Mannschaft bis hierher geholfen?" Und genau da ist der Groschen bei mir gefallen ...

Bisher hatte ich immer ein Problem mit dem Begriff Metapher – nicht beim Fußball, sondern im Kontext der agilen Entwicklung. Aber hier war sie: die Kraft der Metapher bei der Beschreibung einer „Projektaufgabe“. Bergtour 2008 – gut gewählt, nicht nur wegen des Bezugs zu den Gastgeberländern. Anstrengung und Teamzusammenhalt klingen mit, zu hohe Erwartungen werden gedämpft (vom Ankommen auf dem Gipfel ist ja nicht die Rede). Für die Medienkommunikation war diese Metapher ein Volltreffer: „Im Basiscamp der Bergtour“, „Bergtour 2008 – droht der Absturz?“, „Die Bergtour geht weiter“ – so und ähnlich titelten die Medien. Schade: Ich hätte gern gewusst, ob die Metapher auch nach innen auf das Team gewirkt hat. Das war der Antwort des Spielers auf der Pressekonferenz leider nicht zu entnehmen.


'Ne Metapher?

Die Kraft eines solchen Bildes muss sich Kent Beck vorgestellt haben, als er die Metapher zu einer der 12 grundlegenden Praktiken des EXtreme Programming (XP) erklärte. Aber so wie mir ging es wohl auch vielen anderen: Die Metapher ist nie als nützliche Praktik akzeptiert worden.

Dabei klingt die Idee gut (Kent Beck, EXtreme Programming Explained, Addison-Wesley, 2000): Metaphor – Guide all development with a simple shared story of how the whole system works. [...] The words used to identify technical entities should be consistently taken from the chosen metaphor. [...] The metaphor in XP replaces much of what other people call ’architecture’. In der zweiten Auflage seines Buches von 2004 nennt Kent Beck Metaphern immer noch „wichtig“. Als agile Praktik kommen sie aber nicht mehr vor.

Vielleicht hat Kent Beck zu früh aufgegeben. Metaphern – so viel ist mir jetzt klar geworden – können einiges bewirken: beim Entwurf der Architektur, bei der Teamkommunikation, beim „Verkaufen“ einer Lösung an Stakeholder. Allerdings, wenn eine Metapher unglücklich gewählt ist, kann sich ihre Wirkung auch ins Negative kehren. Das erklärt, warum wir mit dem Begriff der Software-Fabrik auf so unterschiedliche Reaktionen stoßen.

Kurz zum Hintergrund: Wir haben objectiF für einige Zieltechnologien zu einer Software-Fabrik erweitert. In einer Software-Fabrik wird das Architekturwissen über eine Anwendung oder Anwendungsfamilie zur Automatisierung der Entwicklung benutzt. Als Automatisierungstechnik bietet sich
Model-Driven Development an, also das automatische Umsetzen fachlicher Modelle in technische Modelle und Code. Neben der Automatisierung sind unter anderem auch Standardisierung, Wiederverwendung und Arbeitsteilung Kriterien, die eine Software-Fabrik ausmachen. Zu den Fabrik-Features von objectiF gehören zum Beispiel ein Template zum Einrichten der Fabrik und ihrer technischen Umgebung, eine tool-unterstützte Methode zur Spezifikation der fachlichen Architektur, iterativ anwendbare Modelltransformationen mit Code-Generierungsfunktionen und eine integrierte Technik zur Anpassung und Entwicklung von Modelltransformationen.

In Präsentationen vor IT-Managern kommt die Fabrik-Metapher immer sehr gut an: Produktivität, Durchsetzung von Standards, gleichbleibend hohe Qualität wird in dieser Zielgruppe damit verbunden. Dagegen löst der Begriff der Software-Fabrik in der agilen Community oft heftige Ablehnung aus. Fabrik klingt für diese Zielgruppe nach Einbinden des Einzelnen in einen festen Ablauf und nach Dominanz der Technik über den Menschen. Eine Software-Fabrik widerspricht damit – scheinbar – dem im Agilen Manifest formulierten Wert: Individuen und Interaktionen gelten mehr als Prozesse und Tools. Tatsächlich steht auch bei der Arbeit mit einer Software-Fabrik der einzelne Entwickler mit seiner Kreativität und seiner Fähigkeit zur Kommunikation im Team und mit den Stakeholdern im Vordergrund. Die Software-Fabrik ist ein Instrument des Entwicklers. Der Entwickler ist kein Fließbandarbeiter in der Fabrik. Nicht die Lösung, sondern die Metapher ist – für diese Zielgruppe – falsch.

Mein Fazit daraus: Die Idee der Metapher ist gut. Aber eine einzige Metapher reicht für ein Projekt nicht aus. Mindestens für Entwickler und Stakeholder benötigt man unterschiedliche Metaphern. Und die suche ich jetzt für unser nächstes Projekt ...

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