Was ist Requirements Elicitation?

Requirements Elicitation (Anforderungsermittlung) ist eine der Kernaktivitäten im Requirements Engineering. Sie umfasst das aktive Suchen, Identifizieren und Ausarbeiten von Anforderungen an ein System. Im Gegensatz zum passiven „Einsammeln“ (Gathering) betont Elicitation den forschenden Charakter: Der Requirements Engineer muss Methoden anwenden, um nicht nur ausgesprochene Wünsche, sondern auch unbewusste Bedürfnisse und implizite Anforderungen von Stakeholdern und aus anderen Quellen zu extrahieren.

Warum Anforderungsermittlung mehr ist als Fragen stellen

Viele Projekte scheitern, weil Anforderungen übersehen oder missverstanden werden. Anforderungen werden gern mit einem Eisberg verglichen: Nur ein kleiner Teil ist sichtbar (explizit). Der größere Teil liegt unter der Oberfläche (implizit oder unbewusst).

Requirements Elicitation nutzt Erkenntnisse aus der Kommunikationspsychologie, um unter die Oberfläche zu gelangen. Es geht darum, das richtige Wissen, zur richtigen Zeit, von der richtigen Quelle und in der richtigen Detailtiefe zu erhalten.

Die drei Hauptquellen für Anforderungen

Vor der Ermittlung von Anforderungen steht die Identifikation von möglichen Anforderungsquellen. Dabei werden drei Hauptkategorien unterschieden:

Stakeholder (Menschen)

Die Anforderungsermittlung beginnt mit der Identifikation und Analyse der Stakeholder (Auftraggeber, Nutzer, Administratoren, Tester etc.). Sie sind die wichtigste Quelle, aber auch die komplexeste. Hierbei geht es darum, Einfluss, Interessen, subjektive Wahrnehmung und Konfliktpotenziale der Stakeholder frühzeitig zu erkennen.

Dokumente

Speziell im regulierten Umfeld sollten Gesetze und Normen analysiert werden. Außerdem kann es hilfreich sein, Prozessbeschreibungen und Fehlerberichte aus Altsystemen etc. zu untersuchen. Aus Dokumenten dieser Art leiten sich oft Anforderungen ab. Risiko: Diese Quelle ist zwar objektiv, aber oft veraltet oder widersprüchlich.

Systeme

Zur Identifikation von Anforderungen gehört ferner die Analyse u.a. von vorhandenen Altsystemen, Wettbewerbsprodukten und Schnittstellen. Geeignete Techniken sind hier z.B. die „Systemarchäologie“ (Code/Doku) oder das Reverse Engineering.

Ermittlungstechniken

Ein Requirements Engineer benötigt einen umfangreichen „Vorrat“ an Techniken. Je nach Projektphase und Anforderungsart (Basis-, Leistungs- oder Begeisterungsfaktoren nach Kano) eignen sich z.B.:

  • Fragetechniken: Der Klassiker. Dazu gehören Interviews (strukturiert/offen) und Fragebögen. Sie eignen sich gut, um explizites Wissen zu erfassen. Wichtig: eine gute Ausarbeitung der Fragen.
  • Beobachtungstechniken: Ideal, wenn Stakeholder ihre Aufgaben nicht gut beschreiben können („Tacit Knowledge“). Spezielle Techniken sind Feldbeobachtung oder Apprenticing (der Requirements Engineer lernt vom Meister). Auch hier unverzichtbar: eine intensive Vorbereitung.
  • Kollaborationstechniken: Erhebung von Anforderungen in direkter Zusammenarbeit mit mehreren Stakeholdern z.B. in Rahmen von Anforderungsworkshops. Nachteil: Benötigt werden viele Ressourcen (Personen, Räume, Infrastruktur, Zeit und Geld).
  • Artefaktbasierte Techniken: Immer wenn Stakeholder nicht verfügbar sind, ist die Analyse von Arbeitsergebnissen aus (menschlichen) Tätigkeiten hilfreich. Problem: Wichtige von irrelevanten Informationen zu trennen. Nachteil: Hoher Zeitaufwand.

Psychologie & Kommunikation

Der Erfolg der Anforderungsermittlung hängt stark von der zwischenmenschlichen Interaktion ab. Dazu ist ein grundlegendes Verständnis davon erforderlich, wie Menschen kommunizieren. Neben diesen theoretischen Kenntnissen von Kommunikationsmodellen benötigt ein Requirements Engineer die Fähigkeit, selbst zu kommunizieren, kognitive Verzerrungen zu minimieren, zu moderieren, Konflikte zu lösen und nicht zuletzt zu überzeugen. Dafür sollte ein Requirements Engineer die nachfolgend dargestellten persönlichen Eigenschaften mitbringen:

Grafische Darstellung der acht Schlüsseleigenschaften eines Requirements Engineers nach IREB. Ein stilisierter Kopf ist verbunden mit Icons für: Kontextbewusstsein, Ethisches Gewissen, Interkulturelle Kompetenz, Führungspersönlichkeit, Motivierendes Wesen, Neutralität, Reflexion und Ichbewusstsein

CPRE Advanced Level – Werden Sie Experte

Requirements Elicitation ist eine der anspruchsvollsten Aufgaben im Requirements Engineering. Das IREB bietet hierfür das Zertifikat CPRE Advanced Level Requirements Elicitation an.
Diese Zertifizierung richtet sich an Professionals, die:

  • komplexe Stakeholder-Landschaften managen müssen,
  • lernen wollen, wie man Techniken gezielt auf den Systemkontext zuschneidet,
  • professionelles Konfliktmanagement in der Anforderungsphase betreiben.

Ihr Weg vom Wissen zur Kompetenz

Ein Zertifikat ist zweifellos von hohem Wert. Aber die Anwendung in der Praxis entscheidet. microTOOL bietet das offizielle CPRE Advanced Level Requirements Elicitation Training an. In unseren Online-Seminaren lernen Sie nicht nur für die Prüfung, sondern üben die Techniken praxisnah am Fall.

    Bei der Anforderungsermittlung entstehen riesige Mengen an unstrukturierten Daten:

    • Interviewprotokolle liegen als Word-Dateien auf einem Netzlaufwerk.
    • Fotos von Whiteboards aus Workshops schlummern auf Smartphones.
    • Relevante Normen und Altsystem-Dokus sind in E-Mails versteckt.
    • Anforderungsfetzen stehen in Excel-Listen oder Ticket-Systemen.

      Das Problem: Niemand weiß mehr, welche Dokumente analysiert wurden, also woher die Anforderungen stammen.

      objectiF RPM löst dieses Problem, indem es Dokumentenmanagement und Requirements Engineering zusammenführt. Es fungiert als „Single Point of Truth“ für Ihre Ermittlungsergebnisse:

      • Integriertes Dokumentenmanagement: Speichern Sie alle Quellen direkt im Tool. Ziehen Sie PDFs (Normen), Bilddateien (Whiteboard-Fotos) oder Office-Dokumente (Protokolle) einfach per Drag & Drop in das Repository. Jedes Dokument ist sicher versioniert und für alle Stakeholder zentral abrufbar.
      • Direkte Übernahme: Warum abtippen? Sie können Inhalte aus einem Word-Dokument importieren, die beim Einlesen automatisch als Anforderungen angelegt werden.
      • Traceability von Anfang an: Verknüpfen Sie Stakeholder (Personen-Objekte) direkt mit den Anforderungen, die sie in einem Workshop genannt haben. Wenn später Fragen aufkommen („Wer wollte dieses Feature?“), liefert objectiF RPM die Antwort.
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      Häufige Fragen

      Was ist der Unterschied zwischen "Requirements Gathering" und "Elicitation"?

      „Gathering“ impliziert, dass Anforderungen wie Äpfel unter einem Baum liegen und nur eingesammelt werden müssen. „Elicitation“ (Ermittlung) erkennt an, dass viele Anforderungen erst durch gezielte Techniken, Analyse und Kreativität gemeinsam mit den Stakeholdern erarbeitet werden müssen. „Elicitation“ nutzt außerdem Techniken, um auch ungesagte Anforderungen (Begeisterungsfaktoren nach dem Kano-Modell) zu extrahieren.

      Was ist die beste Technik?

      Es gibt keine universelle „beste“ Technik. Die Wahl hängt vom Systemkontext, den Stakeholdern (und deren Zeit, Verfügbarkeit, Wissen) und der Art der Anforderungen ab. Ein Methoden-Mix ist meist der Schlüssel zum Erfolg.

      Muss ich für Systemarchäologie programmieren können?

      Nicht zwingend, aber ein technisches Grundverständnis hilft. Systemarchäologie bedeutet oft, Benutzeroberflächen, Datenbankstrukturen oder Schnittstellenbeschreibungen zu analysieren, um das Verhalten eines Altsystems zu verstehen.

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