Bye bye BA? Brauchen wir in Zeiten der Agilität noch Business Analyse?

von | 06.08.2019 | Requirements Engineering

Wir spüren ihn und Sie vermutlich auch: den Druck, in immer kürzeren Zyklen Produktinnovationen, neue Services oder sogar neuartige Geschäftsmodelle zu entwickeln, um am Markt erfolgreich zu sein bzw. zu bleiben. Agile Frameworks wie Scrum, SAFe und LeSS und interaktive Methoden wie Design Thinking sind heute die Mittel der Wahl. Denn sie versprechen Schnelligkeit bei der Realisierung von Stakeholder-Anforderungen sowie Kreativität und Flexibilität im Umgang mit Veränderung.

Bedarf und Chancen für Veränderungen im Unternehmen zu erkennen und in Lösungen – Produkte, Services und Geschäftsprozesse – umzusetzen, ist auch eine Kernaufgabe der Business Analyse. Aber passt sie noch in die agile Welt? Genauer gefragt: Kann ein Business Analyst in einer agilen Organisation noch einen Mehrwert schaffen? „Many business analysts feel like their role is not needed in agile. We hear that agile teams don’t want “requirements” and so we assume they don’t want business analysts!”, schreibt Laura Brandenburg auf ihrer Website “Bridging the Gap”. Und weiter: „Nothing could be further from the truth.“ Ist das Zweckoptimismus oder stimmt das?

In den vergangenen Jahren habe ich viele Business Analysten getroffen – alle mit der entsprechenden Qualifikation, manche auch mit dem passenden Job-Titel auf der Visitenkarte. Ich möchte sie in drei Gruppen einteilen. Da sind zunächst …

Die Cross-funktionalen

Innerhalb der IT triff man häufig auf Business Analysten, die – wenn man genauer hinschaut – als Requirements Engineers arbeiten. So manche IT-Organisation ist nach der Einführung agiler Entwicklungstechniken – schmerzlich – zu der Erkenntnis gelangt, dass User Stories nicht vom Himmel fallen, sondern das Ergebnis intensiver Stakeholder-Kommunikation sind. Diese Organisationen verzichten in ihren cross-funktionalen, agilen Teams zwar oft auf die Rolle, nicht aber auf die Kompetenz von Business Analysten/Requirements Engineers. Mit dem Requirements Engineering Know-how und der besonderen Fähigkeit zur Kommunikation sind Business Analysten/Requirements Engineers in der Lage, Zielkonflikte von Stakeholdern aufzudecken, Anforderungen zu ermitteln, deren Zusammenhänge und Abhängigkeiten zu erkennen sowie die Anforderungen nach Geschäftswert zu bewerten.

Die POs und Proxy POs

Speziell in Unternehmen, die große agile Initiativen durchführen, um ihr Geschäftsmodell zu erneuern, habe ich Business Analysten getroffen, denen die Rolle des Product Owner (PO) übertragen wurde. In anderen Organisationen werden Business Analysten als „rechte Hand“ des Product Owner eingesetzt. Wieder andere sehen den Business Analysten in der Funktion eines Proxy Product Owner, d.h. als Schnittstelle zwischen dem eigentlichen Product Owner und dem Entwicklungsteam. Damit soll gerade in großen und verteilten Projekten sichergestellt werden, dass ein agiles Team immer einen Ansprechpartner hat, auch wenn der eigentliche Product Owner gerade anderweitig beschäftigt oder nicht vor Ort ist. Die Rolle des Proxy Product Owner ist nicht unumstritten. So weist Roman Pichler bei seiner Analyse der typisch Fehler in Bezug auf den Product Owner darauf hin, dass mit dem Proxy Product Owner Defizite einer Organisation, wie die dauernde Überlastung des Product Owner, verschleiert statt behoben werden.

Die Strategen

Und schließlich gibt es Business Analysten, die außerhalb von Projekten arbeiten. Sie unterstützen das Management auf strategischem Niveau beim Ermitteln von Geschäftsbedarf und Innovationschancen. Sie liefern z.B. Know-how und Einschätzungen dazu, wie aktuelle digitale Technologien eingesetzt werden können, um neue Geschäftswerte zu schaffen. Zu dieser strategischen Analyse gehört auch, Lösungsoptionen und eine Road Map der agilen Initiativen zur Umsetzung der Lösungen zu entwickeln. Hier gibt es Berührungspunkte zum Projektportfolio-Management.

Das ist meine ganz persönliche Sicht auf die Aufgaben, die Business Analysten heute im agilen Kontext wahrnehmen. Sie beruht auf vielen zufälligen Begegnungen. Vielleicht sehen Sie als Business Analyst, Requirements Engineer, Projektmanager, Produktmanager, Product Owner, Scrum Master, Geschäftsprozessanalytiker, agiler Coach und Berater die Welt ganz anders. Wohin führt der Weg der Business Analyse als Disziplin? Brauchen wir sie und die Rolle des Business Analysten im agilen Kontext überhaupt noch? Benötigen wir zukünftig vielleicht ganz neue Rollen, wie den Digital Business Analyst oder Digital Designer? Wenn ja, mit welchen Skills?

Wir – das deutsche Chapter des International Institute of Business Analysis (IIBA), der Berufsorganisation für Business Analysten – luden Sie herzlich zu einer After-Work-Veranstaltung ein am Mittwoch, 4. September 2019 von 18.00 – 20.00 Uhr in Berlin.

Unser Thema lautete: Herausforderung Agilität: Was leistet die Business Analyse im Kontext agiler Projekte?
Die Veranstaltung war kostenfrei, offen für Mitglieder und Nicht-Mitglieder des IIBA und fand bei microTOOL statt.