Ein Projekt beginnt mit einer Idee. Doch bis daraus ein konkretes Produkt oder eine Softwarelösung entsteht, müssen einige Fragen geklärt werden. Welche Ziele verfolgt das Unternehmen? Was benötigen die Teams später? Welche Prozesse sind betroffen? Und wie lassen sich die Anforderungen in umsetzbare Aufgaben übersetzen?
Wer diese Fragen ausschließlich in Textform beantwortet, stößt schnell an seine Grenzen. Informationen verteilen sich auf verschiedene Dokumente und wichtige Zusammenhänge bleiben möglicherweise unentdeckt. Mapping-Techniken können dabei helfen, Ihre Ideen besser zu strukturieren. In diesem Blogbeitrag stellen wir vier dieser Techniken vor, die im Requirements Engineering besonders hilfreich sind.
Welche Mapping-Techniken eignen sich besonders im Requirements Engineering?
Mapping-Techniken verfolgen unterschiedliche Ziele. Welche Methode am besten geeignet ist, hängt deshalb von der jeweiligen Fragestellung ab. Im Requirements Engineering sind vor allem das Business Model Canvas, Event Storming, Customer Journey Mapping und Story Mapping interessant. Sie unterstützen zentrale Aufgaben der Anforderungsanalyse. Sie helfen dabei, Geschäftsprozesse zu verstehen, Nutzerbedürfnisse zu identifizieren und Anforderungen strukturiert abzuleiten.
| Mapping-Technik | Schwerpunkt | |
|---|---|---|
| Welchen geschäftlichen Nutzen soll das Produkt liefern? | Business Model Canvas | Geschäftsmodell |
| Welche fachlichen Abläufe und Ausnahmen müssen berücksichtigt werden? | Event Storming | Geschäftsprozesse |
| Wo entstehen Probleme für NutzerInnen? | Customer Journey | Nutzererlebnis |
| Welche Funktionen werden für die erste Version benötigt? | Story Map | Produktplanung |
1. Geschäftsmodelle visualisieren mit dem Business Model Canvas
Das Business Model Canvas (BMC) ist eine Methode, um Geschäftsmodelle zu visualisieren und weiterzuentwickeln. Statt sich durch umfangreiche Businesspläne zu arbeiten, können Teams die wichtigsten Aspekte eines Geschäftsmodells auf einer übersichtlichen Fläche darstellen.
Das Canvas besteht aus neun Bausteinen:
- Kundensegmente
- Wertangebote
- Kanäle
- Kundenbeziehungen
- Einnahmequellen
- Schlüsselressourcen
- Schlüsselaktivitäten
- Schlüsselpartner
- Kostenstruktur
Die einzelnen Bereiche stehen miteinander in Beziehung. So wird beispielsweise deutlich, welche Ressourcen benötigt werden, um ein bestimmtes Wertangebot für eine Kundengruppe bereitzustellen.
Wo setzt man das Business Model Canvas ein?
Diese Mapping-Technik eignet sich besonders für die Entwicklung neuer Geschäftsmodelle, die Analyse bestehender Angebote und die strategische Planung von Produkten. Auch im Requirements Engineering kann das Canvas einen wichtigen Beitrag leisten. Denn bevor Anforderungen an ein Produkt oder eine Software formuliert werden, sollte klar sein, welchen geschäftlichen Nutzen das Ergebnis erfüllen soll. Das Business Model Canvas hilft dabei, diese Perspektive einzunehmen und Anforderungen mit den übergeordneten Unternehmenszielen zu verbinden.
2. Geschäftsprozesse gemeinsam verstehen mithilfe des Event Storming
Event Storming ist eine kollaborative Mapping-Technik, mit der Teams komplexe Geschäftsprozesse untersuchen. Entwickelt wurde sie von Alberto Brandolini. Im Mittelpunkt stehen sogenannte Domain Events, die in einem Geschäftsprozess bereits stattgefunden haben.
Ein Beispiel aus der Softwareentwicklung ist die Bearbeitung einer Änderungsanforderung. Zunächst wird die Änderung gemeldet, dann fachlich bewertet und priorisiert. Danach wird sie einem Sprint zugeordnet, umgesetzt und getestet. Abschließend erfolgt die Freigabe. Beim Event Storming werden solche Ereignisse chronologisch auf einer Fläche angeordnet. Häufig kommen dabei farbige Haftnotizen zum Einsatz. Ergänzend können beteiligte Personen, Systeme, Befehle und weitere Informationen erfasst werden.
Der besondere Vorteil dieser Methode ist, dass sie dabei unterschiedliche Fachperspektiven zusammenbringt. Fachabteilungen, Entwicklungsteams und Requirements Engineers können gemeinsam nachvollziehen, wie ein Prozess tatsächlich abläuft.
Es werden außerdem Fragen sichtbar gemacht, die im Alltag häufig untergehen:
- Was passiert, wenn ein Ereignis nicht eintritt?
- Welche Systeme sind beteiligt?
- Wo gibt es Ausnahmen oder Verzögerungen?
- Welche Informationen werden an welcher Stelle benötigt?
Wo setzt man das Event Storming ein?
Event Storming eignet sich besonders für die Entwicklung von Softwarelösungen, denn die Mapping-Technik schafft ein gemeinsames Verständnis der fachlichen Domäne. Anforderungen können direkt aus realen Abläufen abgeleitet werden. Gerade bei der Einführung neuer Software oder der Modernisierung bestehender Systeme kann das entscheidend sein.
3. Die Nutzerperspektive einnehmen in der Customer Journey
Die Customer Journey Map stellt die Erfahrungen der Nutzung mit einem Produkt oder Service dar und betrachtet die verschiedenen Kontaktpunkte. Eine Customer Journey kann beispielsweise folgende Phasen umfassen:
- Eine Person erkennt einen Bedarf.
- Sie informiert sich über mögliche Lösungen.
- Sie entscheidet sich für ein Produkt.
- Sie nutzt das Produkt im Alltag.
- Sie bewertet ihre Erfahrungen.
Für jede Phase werden relevante Touchpoints, Erwartungen, Emotionen und mögliche Schwierigkeiten erfasst. Dadurch entsteht ein Bild davon, wie NutzerInnen ein Produkt tatsächlich erleben. Eine Customer Journey Map kann beispielsweise zeigen, dass die Anmeldung bei einer Software unkompliziert ist, die anschließende Konfiguration jedoch noch viele Fragen aufwirft.
Wo setzt man die Customer Journey ein?
Wenn Anforderungen aus der Nutzerperspektive entwickelt werden sollen, ist die Customer Journey eine wertvolle Grundlage. Sie hilft dabei, Bedürfnisse und Probleme zu identifizieren, die bei einer rein technischen Betrachtung möglicherweise unberücksichtigt bleiben.
Ein Beispiel hierfür ist die Einführung einer neuen Projektmanagement-Software. Die Customer Journey beginnt mit der Informationssuche über die Software, umfasst die Auswahl und Einführung und reicht bis zur täglichen Nutzung. Dabei können verschiedene Kontaktpunkte betrachtet werden: die erste Produktpräsentation, die Einrichtung der Software, eine Schulung oder der Kontakt zum Support.
4. Anforderungen in einen Zusammenhang bringen mit der Story Map
Die Story Map, häufig auch User Story Mapping genannt, verbindet die Nutzerperspektive mit der Planung eines Produkts. Die Methode wurde von Jeff Patton geprägt. Im Mittelpunkt steht die Frage: Welche Schritte müssen die NutzerInnen durchlaufen, um sein Ziel zu erreichen? Die Aktivitäten werden zunächst entlang eines übergeordneten Ablaufs geplant, darunter folgen die einzelnen User Stories.
Bei der Entwicklung einer neuen Software zur Verwaltung von Projektanforderungen könnten die Aktivitäten „Projekt anlegen“, „Anforderungen erfassen“ und „Anforderungen überprüfen“ beispielsweise in einer Story Map dargestellt werden. Darunter werden die konkreten Schritte und Anforderungen ergänzt. Die horizontale Anordnung beschreibt den Ablauf aus Nutzersicht. Vertikal können die Aufgaben nach ihrer Bedeutung oder Priorität strukturiert werden. Dadurch entsteht eine gemeinsame Sicht auf das Produkt. Teams erkennen so, welche Funktionen zusammengehören und welche Bestandteile für eine erste nutzbare Version erforderlich sind.
Wo wird Story Mapping eingesetzt?
Story Mapping eignet sich besonders für die Anforderungsanalyse, die Priorisierung von Anforderungen und die Planung von Releases. Die Methode hilft, den Zusammenhang zwischen einzelnen User Stories und dem übergeordneten Produktziel herzustellen. Statt ein Backlog ausschließlich als lange Liste von Anforderungen zu betrachten, entsteht eine strukturierte Darstellung der Nutzeraktivitäten. Das erleichtert die Abstimmung im Team und unterstützt eine schrittweise Produktentwicklung.
Mapping-Techniken sind gemeinsam noch effektiver
Die Methoden schließen sich nicht gegenseitig aus, sondern können sich sinnvoll ergänzen. Ein Team kann beispielsweise zunächst mit dem Business Model Canvas die geschäftlichen Ziele klären. Anschließend analysiert es mithilfe von Event Storming die relevanten Prozesse. Eine Customer Journey macht die Nutzerperspektive sichtbar, während die Story Map die daraus gewonnenen Erkenntnisse in konkrete Anforderungen und Arbeitspakete überführt.
Entscheidend ist, die passende Methode für die jeweilige Fragestellung auszuwählen. Auch wenn sie sich ergänzen können, benötigt nicht jedes Projekt alle vier Techniken.
Fazit
Mapping-Techniken sind mehr als eine Möglichkeit, Informationen ansprechend darzustellen. Der größte Nutzen entsteht jedoch erst, wenn die Ergebnisse nicht auf dem Whiteboard oder in einer Workshop-Dokumentation verschwinden. Wenn aus ihnen konkrete Anforderungen, Aufgaben und Entscheidungen abgeleitet werden, können Mapping-Techniken einen nachhaltigen Beitrag zur erfolgreichen Produktentwicklung leisten. Denn je besser ein Team die Zusammenhänge versteht, desto gezielter kann es Produkte oder Softwarelösungen entwickeln, die sowohl den geschäftlichen Zielen als auch den Bedürfnissen der NutzerInnen gerecht werden.


